Über Erfüllungsromantik und Jobgarantie

Jungärzte-Kongress

v.l.n.r.: Dr. Eduardo Maldonado-González (ÄK-Referat Jungärzte), Dr. Lisa Leutgeb (ehem. Vorstand ÖH Med Wien), Maike Stegemann (KPJ-Studentin), Dr. Markus Müller (Rektor MedUni Wien), Dr. Frédéric Tömböl (AKH Wien). Foto: MEDAhead/Paul Benedek

Der erste nextdoc Jungärzte-Kongress ist am 19. und 20. Oktober erfolgreich über die Bühne gegangen. In einer Podiumsdiskussion ging es um die Situation in der Arztausbildung, um beliebte und weniger beliebte Fächer, um Jobgarantie und Erfüllungsromantik.

Der Ärztemangel ist in aller Munde – er betrifft aber nicht die gesamte Medizin, sondern einzelne Fächer. Das war eines der Themen der Podiumsdiskussion “Neue Ausbildungsreform umsonst – steuert Österreich weiterhin auf den Ärztemangel zu?“ beim nextdoc Jungärzte-Kongress.

Hundertprozentige Jobgarantie

So gebe es beispielsweise immer mehr Wahlärzte, aber dafür immer weniger Hausärzte, erklärte Lisa Leutgeb, ehemalige Studienvertreterin an der MedUni Wien. Sie selbst hat erst vor kurzem ihr Medizinstudium abgeschlossen und plant eine Ausbildung in der Psychiatrie: “In meiner Umgebung haben alle relativ schnell eine Stelle gefunden.“ Und auch Frédéric Tömböl, Assistenzarzt für Anästhesie am AKH Wien und im Referat für Jungmediziner der Wiener Ärztekammer tätig, zeigte sich überzeugt, dass jeder Jungarzt eine gute bezahlte Stelle finden wird. Jedoch: „Ob es jedoch das präferierte Fach ist – das ist eine andere Frage“. Ein Beispiel sei die Dermatologie, die sich bei Jungärzten großer Beliebtheit erfreut. In der Krankenanstalt Rudolfstiftung gebe es beispielweise eine Ausbildungsstelle für Dermatologie – bewerben würden sich allerdings dafür 55 Jungärzte. Anders sei es in der Anästhesie, hier sei der Bedarf an Nachwuchs stärker. Markus Müller, Rektor der Medizinuni Wien, riet zu mehr Flexibilität: „Sie sind vulnerabel, wenn Sie sich einschränken und Dermatologe in Wien werden wollen. Die Medizin hat eine hundertprozentige Jobgarantie, wenn Sie flexibel sind.“

Welches Fach jedoch tatsächlich in Kliniken gefragt sei, sei intransparent, kritisierte die Medizinstudentin Maike Stegemann, die derzeit ihr KPJ absolviert. Man wisse nicht, in welchen Spitälern wie viele Assistenzstellen für die einzelnen Fächer tatsächlich vorhanden seien. Eine Liste der jeweiligen Krankenanstalten, welche Fachärzte in den nächsten fünf Jahren gebraucht werden, hielten auch Tömböl und Leutgeb für sinnvoll.

„Sie sind vulnerabel, wenn Sie sich einschränken und Dermatologe in Wien werden wollen. Die Medizin hat eine hundertprozentige Jobgarantie, wenn Sie flexibel sind.“

Dr. Markus Müller, Rektor der MedUni Wien

Work-Life-Balance und Gehalt

Nicht nur die Beliebtheit einiger medizinischer Fächer spiele eine Rolle beim „künstlich erzeugten Ärztemangel“, sondern ebenso Gehaltsschemata, etwa bei Hausärzten, und die Arbeitssituation im Spital, meinte Eduardo Maldonado-González vom Referat für Jungmediziner der Wiener Ärztekammer und Assistenzarzt für Innere Medizin am SMZ Ost. „Als niedergelassener Arzt hat man keine Wochenenddienste, keine Nachtdienste und verdient mehr – wieso sollte noch jemand im Spital arbeiten wollen?“

Für Müller ist ein weiteres Kriterium für die junge Generation ausschlaggebend: „Die Jungärzte von heute denken langfristig: Wo kann ich ein erfülltes Leben haben, wo kann ich meine Talente am besten ausüben?“ Wichtig seien eine gute Arztausbildung, ein gutes Team und die Möglichkeit, die Arbeit selbst mitgestalten zu können. „Bei aller Erfüllungsromantik muss aber auch an der Preisschaufel gedreht werden – manche Honorierungen sind einfach nur absurd“, sagte er. Ein Beispiel: ein Hausarzt in Kärnten, der am Land einen Hausbesuch macht und dafür unter Umständen weiterfahren muss, erhält für diesen Hausbesuch 37 Euro. „Das steht in keiner Relation zum Aufwand“, kritisierte Müller.

„Wir sind eine motivierte Generation, aber wir wollen einen Job haben, der mit Familie und Freizeit vereinbar ist“

Dr. Lisa Leutgeb, ehem. Vorstand ÖH Med Wien

„Mein Ziel war es nicht, möglichst viel zu verdienen“, sagte Tömböl. Vielmehr sei die viel zitierte Work-Life-Balance für den Ärztenachwuchs deutlich wichtiger geworden. Den Begriff selbst sieht er kritisch, denn Arbeit sei auch Teil des Lebens. „Wir sind eine motivierte Generation, aber wir wollen einen Job haben, der mit Familie und Freizeit vereinbar ist“, ergänzte Leutgeb.

Ausbildung und Flucht ins Ausland

Es ist bekannt, dass in Österreich 40 Prozent der Medizinabsolventen nicht in der Ärzteliste aufscheinen. Viele verlassen Österreich oder sind in anderen Bereichen tätig. Ein Medizinstudium in Österreich kostet jedoch in etwa eine halbe Million Euro. „Ich wäre daher dafür, dass jene, die in Österreich Medizin studiert haben, auch verpflichtet werden, eine gewisse Zeit in Österreich als Arzt tätig zu sein“, sagte Müller. Außerdem sei die neue Ärzte-Ausbildung mit der neunmonatigen Basisausbildung ein „schwerer Fehler“ gewesen, der die Probleme bei den Wartezeiten weiter vertieft habe. Daher solle die Basisausbildung in der Form laut dem Rektor beendet werden.

Stegemann sprach den gravierenden Unterschied zwischen Theorie und Praxis in der Arztausbildung in Österreich an: Theoretisch gebe es einen umfangreichen Kompetenzkatalog in der Ausbildungszeit – in der Praxis werden die aufgeführten Punkte aber nicht alle erfüllt. Um ordentliche Jungärzte auszubilden, benötige es außerdem einen eigenen Ausbilder, sagte Maldonado-González: „Ich glaube nicht, dass die Kultur des Beibringens fehlt, sondern die Zeit.” Junge Oberärzte, bei denen die Ausbildung nicht so lange her sind, seien grundsätzlich engagiert, weil sie wüssten, wie es als Jungarzt sei, zum ersten Mal in einer Intensivstation zu arbeiten.

Eine Entlastung für ausbildende Ärzte sei für Tömböl, wenn die bürokratische Arbeit automatisiert und die Dokumentation elektronisch erfolgen würde: „Wir müssen uns von allem verabschieden, was Algorithmen auch erledigen können, etwa Arztbriefe zu schreiben.“

Allgemeinmedizin

Was die Allgemeinmedizin angeht, gebe es an der MedUni Wien ein Maßnahmenpaket, das gemeinsam mit der Ärztekammer und dem Ministerium beschlossen worden sei. „Wir betreiben an der Uni keine Imagepflege für einzelne Fächer, aber wir können einen gewissen Beitrag zu Verbesserungen leisten“, sagte Müller. Die Allgemeinmedizin würde zu Tode geredet, aber das sei ein riesiger Fehler – man müsse die Vorzüge hervorheben.

Ein Problem in der Allgemeinmedizin sei, dass zu wenig Lehrpraxen vorhanden sind. In Wien sind es 15 Mediziner, die eine Lehrpraxis betreiben. „Mediziner sind traditionell Einzelkämpfer“, sagte Müller und attestierte einen Unwillen, die Zukunft der Medizin mitzugestalten. Um gut ausgebildete Allgemeinmediziner zu haben, sollte die Ausbildung Teil eines Vertrags mit den niedergelassenen Allgemeinmedizinern geschaffen werden.

„Es ist absurd, dass die Ausbildung für ein Fach sechs Jahre dauert, aber nur 3,5 Jahre für den Überblick über alle Fächer.“

Dr. Frédéric Tömböl, Assistenzarzt für Anästhesie am AKH Wien

Genauso wie Maldonado-González sprach sich Müller gegen einen Facharzt für Allgemeinmedizin, der im Masterplan Allgemeinmedizin eingefordert wird, aus. Eine Verlängerung auf sechs Jahre würde zu strukturellen Problemen führen und er sei überzeugt, dass mit den derzeitigen 3,5 Jahren auch eine sehr gute Ausbildung möglich sei. Leutgeb fand es „schade“, dass die Allgemeinmedizin einerseits aufgewertet werden soll, gleichzeitig sich aber das in der Arztausbildung nicht niederschlage. „Wenn man einen Facharzt über sechs Jahre etabliert, benötigt es einen Plan – die gesamte Zeit nur zu rotieren ist auch kein Konzept“, sagte sie. Tömböl sprach sich dezidiert für den Facharzt für Allgemeinmedizin aus: „Es ist absurd, dass man sechs Jahre für eine Spezialisierung benötigt, aber nur 3,5 Jahre für den Überblick über alle medizinische Fächer.“

Blick in die Zukunft

Wie sieht nun die Zukunft für Jungmediziner aus? Zum einen würden Jungmediziner wesentlich stärker in Teams arbeiten als die ältere Generation. Ärzte können zukünftig auch Ärzte anstellen. So sieht es der Entwurf des neuen Ärztegesetzes vor, der vom Gesundheitsministerium in Begutachtung geschickt wurde – die Frist endet am 8. November. Darin ist vermerkt, dass künftig ein Arzt auf Vollzeitbasis von 40 Wochenstunden pro Ordination angestellt werden darf, in Gruppenpraxen höchsten zwei.

A propos Zukunftsperspektiv: Ein Bereich sei im Kommen: Die Arbeitsmedizin. Müller zeigte sich bei der Diskussion überzeugt, dass die präventive Medizin bei Arbeitgebern an Bedeutung gewinnen wird und sich so ein neues Berufsbild etablieren wird.

Und trotz aller Kritik an der Arbeits- und Ausbildungssituation: Alle Podiumsteilnehmer würden wieder Medizin studieren. (Sophie Niedenzu, 22.10.2018)

 

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