Länder liefern Lösungen

Kommentar – Wenn die Bundespolitik wieder einmal versagt, muss der in Österreich so verpönte Föderalismus ans Werk. Jahrelang wird schon diskutiert wie die Abwanderung von Medizinern gestoppt und die Versorgung, vor allem abseits von Ballungszentren, aufrechterhalten werden kann. Der 2014 in Linz errichteten medizinischen Fakultät laufen Gerüchten zufolge die Studierenden davon, weil viele nach dem Start in Graz nicht mehr zurückwollen. Wer kann es ihnen verübeln? Doch endlich, kurz vor dem kompletten Kollaps des Gesundheitssystems, verursacht durch die europaweit seit Jahren gut funktionierende 48 Stunden-Durchschnittswochenarbeitszeit, wird bei der Landesgesundheitsreferentenkonferenz in Baden eine Patentlösung für alle Probleme fixiert.

Niederösterreichs Landeshauptmannstellvertreter, Musiklehrer und Verantwortlicher für die Bereiche Finanzen, Wohnbau, Gemeinden und Arbeitsmarkt, außerdem Vorsitzender des Niederösterreichischen Gesundheits- und Sozialfonds und zuständig für Angelegenheiten des Landesarchivs, des Niederösterreichischen Instituts für Landeskunde und der Landesbibliothek, Mag. Wolfgang Sobotka, konstatiert: “Es ist unabdingbar, die Studienplätze bei Humanmedizin zu erhöhen”.

Viel zu lange schon werden falsch interpretierte Statistiken als Argument gegen eine Erhöhung der Studienplatzzahl verbreitet. Auch wenn es stimmen mag, dass Österreich die höchste Pro-Kopf-Anzahl an Absolventen in der OECD hat, muss bei einer ernsthaften Auseinandersetzung wesentlich differenzierter mit den vorliegenden Daten umgegangen werden.

Wahrheit
Vergleich Absolventen - Studienplätze

Quellen: OECD Health Statisticsmedizinstudieren.at, Paracelsus Medizinische Universität, Medizinische Universität Krems

Links beweisen Daten über die Zahl der Absolventen aus den OECD Health Statistics, dass Österreich ganz sicher nicht mehr Studienplätze braucht. Werden Daten zu Studienplatzzahlen allerdings korrekt aufgeschlüsselt interpretiert (rechts), kann gezeigt werden, dass viele Länder, allen voran Burgenland, Kärnten, Vorarlberg, Oberösterreich und Niederösterreich weniger Plätze anbieten, als die OECD-Schlusslichter Absolventen vorweisen können. Somit wird klar, dass diese Länder ein ernsthaftes Problem haben, und die Forderung der Landesgesundheitsreferenten absolut zu unterstützen ist.

Bezieht man nun noch die extrem hohe DropOut-Quote bei Humanmedizin in Österreich von 6% mit ein, sinkt die Zahl der Absolventen in vielen Ländern auf ein drastisches Niveau. Hoffentlich beweisen die Verantwortlichen Weitblick und geben die falsche Bescheidenheit bezüglich ihrer Forderungen auf. Zur Rettung unseres Gesundheitssystems mutet es nur recht und billig an, dass der Bund jede Landeshauptstadt mit ihrer eigenen medizinischen Universität bedenkt.

Rundumschlag
Nicht nur die Versorgung wäre mit einer, oder mehreren, medizinischen Universitäten pro Bundesland gesichert. Auch eine Reihe anderer Probleme könnten sich in Luft auflösen.

Niemand muss sich mehr Gedanken über die Finanzierung von Studium oder Klinisch-Praktischen-Jahr machen. Sämtliche Studierende können vom Elternhaus zur Uni pendeln, und die praktische Ausbildung vor Ort im Bezirksspital absolvieren. Keiner ist nach fünf Jahren Studium durch soziales Netz, Wohnung oder Kultur- und Unterhaltungsangebot an Wien, Graz oder Innsbruck gebunden. Lebenserhaltungskosten für Studierende sinken drastisch. Ausgaben für typisch studentische Abendaktivitäten fallen mangels geeigneter Einrichtungen weg. Ein Zehn-Stunden Samstagsjob reicht ohne eigene Unterkunft völlig für Dinge des täglichen Bedarfs aus. Folglich können sich angehende Mediziner mehr auf Ausbildung und Bildung konzentrieren, die medizinische Versorgung wird so qualitativ noch besser.

Jedes noch so kleine und sinnlose Krankenhaus wird zur Universitätsklinik aufgewertet. Das ineffiziente Spitalswesen Österreichs, bei dem viele Standorte nicht der Versorgung, sondern Landeshauptleuten oder Bürgermeistern als geldvernichtende Prestigeprojekte dienen, verwandelt sich in ein Mekka für Lehre und Forschung. Die dadurch erhöhte Zahl an Professuren und Wissenschaftern führt auch in diesen Bereichen zu einer massiven Verbesserung.

Mit einer Aufstockung der Studienplätze wird die österreichische Quotenregelung fallen, nach der zwangsläufig 25% Nicht-Österreicher aufgenommen werden müssen. Dass ohne die Quote seit der Beschränkung der Studienplätze deutlich weniger Österreicher Medizin studieren würden, ist ebenfalls kein Thema. Die Länder verlassen sich da auf den Bund, der durch Reformen im Schulsystem dafür sorgt, dass sich der Trend in Zukunft hoffentlich umkehren wird.

Anti-Auswanderung
Kritische Beobachter mögen sich die Frage stellen, wie mit mehr Studienplätzen der Abwanderung von Absolventen ins Ausland entgegengewirkt werden soll. Die Antwort ist so klar, wie bei vielen Problemen, die nur der Föderalismus lösen kann. Durch den extremen Fokus auf das Heimatbundesland der Studierenden, wird niemand auf die Idee kommen, über Bedingungen in Nachbarländern nachzudenken. Erasmusprogramme werden durch Austauschsemester innerhalb Österreichs ersetzt, Binnenmigration unterbunden.

Den Grundstein dafür legen die Landesgesundheitsreferenten schon jetzt. Natürlich nicht durch eine Abgabe von Kompetenzen an den Bund. Nein, durch Gehaltsabsprachen will man in Zukunft “gegenseitige Information insgesamt verstärken”. Was Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer als Kartellbildung bezeichnet, ist in Wahrheit nur ein Teil der genialen Komplettlösung für alle Probleme im österreichischen Gesundheitssystem.

Flachere Hierarchien und eine bessere Ausbildung im Ausland sind in Zukunft kein Argument mehr. Die Wahrscheinlichkeit, Bekannte oder Verwandte, die bereits im Spital nebenan tätig sind, als Vorgesetzte zu haben steigt durch die Dezentralisierung des Systems ins Unermessliche. Mit Kinderbetreuungsplätzen und ausgeglichener Work-Life-Balance müssen Arbeitgeber im österreichischen Gesundheitssystem im Gegensatz zu anderen Ländern auch nicht locken. Großeltern können den Nachwuchs großziehen, und mit Jugendfreunden als Patienten hat man während den Dienstzeiten auch Spaß.

Fairere Entlohnung, die einige Jungärzte egoistischerweise als Grund für einen Wechsel ins Ausland sehen, werden ebenfalls ausgeglichen. In geerbten Immobilien kann nämlich durch die berufliche Bindung an den Herkunftsort nun auch gewohnt werden. Günstigere Kosten für Aus- und Umbau oder Renovierungen im Vergleich zu Neuerwerb kompensieren die, auch nach den aktuellen Erhöhungen, geringeren Einstiegsgehälter. Selbst wenn nichts geerbt wird, für die zur Zeit aussterbenden Mediziner am Land finden sich durch die neu entstandene lebenslange Nähe zur Lokalpolitik bestimmt auch österreichische Lösungen für leistbaren Wohnraum.

Föderalismusreform
Bei diesen genialen Schachzügen der Länder ist nicht mehr nachvollziehbar, wofür Österreich als Bund überhaupt noch existiert. Durch eine Föderalismusreform, bei der alle Kompetenzen vom Bund auf die Länder übertragen werden, könnten große Ideen, wie die Erhöhung der Medizin-Studienplätze, viel schneller und besser umgesetzt werden, ohne eine Blockade durch engstirnige Bundespolitiker befürchten zu müssen. Diese sollen das Ganze nur mehr finanzieren. Durch gesteigerte Steuereinnahmen aus Einkommen und Konsum einer noch höheren Ärztezahl und einer gesünderen Bevölkerung, ist ein ausgeglichenes Budget nach den Reformen ebenfalls in greifbarer Nähe. Da mutet es geradezu lächerlich an, dass Finanzminister Schelling sich wünscht, beim Bau von Spitälern mitreden zu dürfen.

Vielen Dank für diesen lange überfälligen Vorstoß der Länder beim Thema Gesundheitspolitik. Es bleibt nur zu hoffen, dass bis zur endgültigen Realisierung EU-rechtskonformer Arbeitszeiten im Juli 2021, genügend medizinische Universitäten aus dem Boden gestampft werden, um das beste Gesundheitssystem der Welt noch besserer zu machen! Oder liefert doch noch jemand eine echte Lösung?

WS – 03.05.2015

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