Studentinnen gesucht? Gefunden!

Es scheint fast surreal, was sich rund um die Medizinische Universität Wien seit einiger Zeit abspielt. Trotz immensen Widerstands von allen Seiten gegen eine geplante Maßnahme wurde vom Rektorat der MUW durchgeboxt, was von der Mehrheit der Studierenden, der Universitätsvertretung, der Bevölkerung Österreichs (und mittlerweile sogar über die Landesgrenzen hinaus) – ja selbst vom Senat der Universität – mit Worten bezeichnet wird, die nicht sehr schmeichelhaft sind. Gemeint ist natürlich die genderspezifische Auswertung des Eignungstests für das Medizinstudium (EMS).

Aber beginnen wir am Anfang! Mitte Dezember wurde vom Universitätsrat der MUW ein Beschluss des Rektorats (von Vizerektorin und Genderbeauftragter Karin Gutiérrez-Lobos initiiert) genehmigt, der eine Änderung der EMS-Auswertung beinhaltete und ordnungsgemäß veröffentlicht wurde. Die Veröffentlichung liest sich erstmal harmlos: “Die Ermittlung des Testwerts erfolgt genderspezifisch und fließt in die Rangfolge ein”, findet man im entsprechenden Mitteilungsblatt der MUW. Mehr Informationen gab es zunächst für Nicht-Eingeweihte keine. Erst als die Details der Auswertemethode über die Grenzen der Universität hinaus bekannt wurden, regte sich massiver Widerstand. Der Rektor der MUW, Dr. Wolfgang Schütz, zeigte sich in einem Kommentar auf derStandard.at darüber verärgert: “Alle Gremien der Universität haben diese Entscheidung mitgetragen, auch der Senat und die dort vertretenden Studierenden (die sich jetzt verhalten, als wüssten sie das nicht mehr)”.

Tatsächlich scheint wohl weder die Studentenvertretung noch der Senat die volle Tragweite dieses Beschlusses begriffen zu haben, obwohl sie darüber aufgeklärt wurden. Wie detailliert die Erklärung über die genderspezifische Auswertemethode ausgefallen ist, lässt sich nicht nachvollziehen. Ein Kommentar im Forum der Stv vom 1. Februar von Michael Wagner, dem Vorsitzenden der Studentenvertretung, gibt einen Eindruck davon: “Diese gendergerechte Auswertung beruht auf Statistiken, die klar zeigen, dass Frauen beim Test benachteiligt werden, selbst wenn die Ursachen wahrscheinlich woanders liegen als beim Test per se, muss man dennoch etwas dagegen tun. […] Es funktioniert irgendwie mit zwei unterschiedlichen Auswertungen, die dann später wieder verknüpft werden.”

Ein entsprechender Artikel auf MEDIZINSTUDIUM.at rief ein großes Echo in den österreichischen Medien hervor und löste eine Kehrtwende um 180° bei der Stundentenvertretung aus. Sowohl die ÖH-Medizin, als auch der Senat sprachen sich plötzlich gegen die geplante Maßnahme aus – nun da sie schon ihren Sanktus gegeben hatten. Selbst Bundesminister Karlheinz Töchterle meinte in einem Interview ungewohnt kritisch: “Auch ich frage mich, ob dies angemessen und zielführend ist”. Der Stein geriet ins Rollen, blieb aber bald darauf wieder stehen. Die Österreichische Medizinerunion (ÖMU), welche die Partei mit fast allen Sitzen der Studentenvertretung ist, startete eine Petition, die allerdings im Sand verlief. Rechtsgutachten wurden im Auftrag der MUW sowie der ÖH-Medizin erstellt, die jeweils genau das Gegenteil aussagten. Auf der einen Seite kam man zum Schluss, die Maßnahme sei rechtlich gangbar, auf der anderen Seite sprach man von “indirekter Diskriminierung”. Dann scheinen die Medien erst mal für einige Zeit mit dem Thema übersättigt worden zu sein.

Es half alles nichts. Das Rektorat blieb standhaft und lies den Eignungstest ungeachtet aller Proteste genderspezifisch auswerten. Das wenig erstaunliche Ergebnis: Es werden nun im Verhältnis ziemlich genau so viele Frauen zum Studium zugelassen, wie zum Test angetreten sind.Diese “Quote” ermöglichte es nun weiblichen Testteilnehmerinnen mit deutlich weniger erzielten Punkten einen Studienplatz zu ergattern. Offiziell gibt die Uni keine Daten darüber bekannt, wie die Geschlechterverteilung des Tests aussehen würde, wenn die neue Auswertemethode nicht zur Anwendung gekommen wäre. Durch die gegebenen Daten lässt sich allerdings (ungefähr) errechnen, dass das Geschlechterverhältnis bei chancengleicher Auswertung in etwa bei 45:55 zu Gunsten der Männer liegen müsste.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Klagerufe wurden laut, das mediale Interesse war hoch und erstreckte sich über die Landesgrenzen hinaus, was der Reputation der MedUni nun auch auf internationalem Niveau schadete. Auf die drohenden Klagen gibt sich die Universitätsleitung nach außen hin gelassen. Man habe sich rechtlich abgesichert und wolle es auf einen Prozess ankommen lassen. Das sind schlechte Neuigkeiten für die Kläger, denn sollte die Causa wirklich durch alle Instanzen durchgebracht werden müssen, wird das ein Prozess, der sich über Jahre hinwegziehen könnte. Auf einen Studienplatz in naher Zukunft zu hoffen, scheint da etwas zu optimistisch. Ob eine Klage trotzdem zu Stande kommt, bleibt abzuwarten, da sich die Mehrzahl der befragten Experten bisher darüber einig ist, dass die betroffenen Studienbewerber gute Chancen hätten, aus dem Prozess als Sieger hervorzugehen. Auch wenn es dann für einen Studienplatz für die Betroffenen bereits zu spät sein dürfte, könnte man immerhin noch mit Schadenersatz rechnen, sowie ein Zeichen setzen, um übertriebener Gleichmachungspolitik die Grenzen aufzuzeigen.

Auch die Studierendenvertretung gibt sich vorsichtig. Obwohl sie im Vorfeld den betroffenen Männern ihre Unterstützung zugesagt hat, weist sie nun diplomatisch darauf hin, dass die Benützung von ÖH-Geldern möglicherweise nicht erlaubt sei, weil Studienbewerber noch kein Anrecht darauf hätten. Die tatkräftige Unterstützung beschränkt sich somit auf einige Presseaussendungen und auf beratende Tätigkeit. 

Allerdings bringt die laufende Debatte auch die Befürworter auf den Plan, welche die Maßnahme begrüßen. Fakt ist, dass beim EMS in den letzten sechs Jahren in Österreich (und nur in Österreich) weibliche Teilnehmerinnen statistisch auffallend schlechter abschnitten als ihre männlichen Konkurrenten. Die Gründe dafür lassen sich aber nicht im Test suchen. Das sollte allein schon die Tatsache deutlich machen, dass dieser Gender Gap in der Schweiz, wo der gleiche Test angewandt wird und in Deutschland, wo eine leicht abgewandelte Version des EMS abgehalten wird, nicht vorhanden ist.

Die Gründe sind somit woanders zu suchen, sehr wahrscheinlich in der Sekundärbildung. Hinweise dafür liefert beispielsweise eine Studie von Ferdinand Eder, der aufzeigen konnte, dass männliche Schüler bei gleicher Leistung schlechter benotet werden. Daraus lässt sich vermutlich auch ableiten, warum es mehr weibliche Maturanten gibt als männliche – und damit einhergehend, mehr weibliche Studienbewerberinnen.

Mit der genderspezifischen Auswertung des EMS wird nun eine Ungerechtigkeit mit einer anderen bekämpft, was zur Lösung des Problems genau gar nichts beiträgt. Nicht nur Männer fühlen sich davon diskriminiert, auch die Frauen stellen sich dagegen und sehen sich nun dem unnötigen und zum großen Teil ungerechtfertigten, wenngleich unvermeidlichen Vorwurf gegenüber, nur durch eine Quote (auch wenn es keine Quote im eigentlichen Sinne ist) einen Studienplatz erlangt zu haben.

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