Das Elektrokardiogramm

„Und schon wieder ein weiterer Versuch, den Medizinstudenten das EKG näherzubringen…“ So oder so ähnlich war mein erster Gedanke, als ich das Buch gesehen hab. Wenigstens klang die Kurzbeschreibung auf der Rückseite diesmal vielversprechender: Kein Auswendiglernen mehr, da logisch abgeleitet, viele Merkkästchen, jede Menge Abbildungen und auch endlich mal die sonst gern übersehenden Formen wie Belastungs-EKG mit vertreten. Doch hält das Buch auch wirklich, was es verspricht? Meiner Meinung nach ein klares Ja!

Jeder Medizinstudent muss sich irgendwann in seinem Studium mit dem Elektrokardiogramm rumschlagen. Wer sich dafür interessiert, der findet in der Regel auch schnell einen Zugang dazu, aber für alle anderen bleiben die feinen Linien auf dem Millimeterpapier meist ein Buch mit sieben Siegeln. Auch solchen Leuten kann mit diesem Buch geholfen werden.

Mehr EKG-Verständnis

Unabhängig davon, in welchem Abschnitt man sich momentan befindet, ist das Buch gut einsetzbar. Für die „Neueinsteiger“ befindet sich zu Beginn eine Einführung in Anatomie und Physiologie des Herzens, die alle Grundlagen vermittelt, die zum EKG-Verständnis nötig sind. Aber auch für weiter Fortgeschrittene ist es durchaus geeignet, da nicht – wie sonst häufig – überwiegend nur Basiswissen vermittelt wird, sondern auch eine große Auswahl an weitergehenden pathologischen Veränderungen erklärt werden und endlich auch die im Studium meist nur kurz erwähnten, aber nicht näher drauf eingegangenen Sonderformen wie Schrittmacher-, Belastungs- und Langzeit-EKG behandelt werden.

Aber was genau soll man sich als Student, der Einblick in die fremde Materie gewinnen will, inhaltlich unter einem Leitfaden für Ausbildung und Praxis vorstellen? Wenn man mal bei den „klassischen“ Bezeichnungen bleiben möchte, trifft „Lehrbuch“ es denke ich am besten. Die einzelnen Themen sind in wohl dosierter Länge vertreten und es spart dem Leser einiges an Nerven, wenn einfache Aspekte auch nur entsprechend kurz (aber trotzdem vollständig) behandelt werden und stattdessen mehr auf die komplizierten Bereiche eingegangen wird. Dadurch ist es möglich sich mit den knapp 300 Seiten ein fundiertes Wissen über das Elektrokardiogramm anzueignen.

Das Buch punktet auch durch eine Vielzahl an Abbildungen. Mit seinen rund 350 Abbildungen kann es auch mit manchem EKG-Trainer mithalten. Ergänzend kommen jede Menge Tabellen hinzu, die viele Informationen aus dem Text nochmal zusammenfassen. Auch ist in der Beschreibung der verwendeten Beispiel-EKGs nicht nur das in dem Kapitel behandelte Problem erwähnt, sondern das EKG wird auch nach den bereits genannten Kriterien nochmals auseinander genommen, was gerade für Neueinsteiger sehr hilfreich ist. Neben dem sehr verständlich geschriebenen Text gibt es zu jedem Kapitel auch noch kleine Merkkästchen, die zur Wiederholung sehr hilfreich sind. Auch an diejenigen, die ihr Wissen überprüfen oder ihre Lücken aufdecken wollen ist in diesem Buch gedacht worden: Eine nach Kapiteln sortierte Fragensammlung.

Im Prinzip eine sehr schöne Idee, allerdings ist die Umsetzung nur bedingt gelungen. Die über 200 Fragen haben zwar die dazugehörige Seitenzahl angegeben und beziehen sich inhaltlich im Wesentlichen auf die Merkkästchen, dennoch wäre ein anschließender Abschnitt mit den Antworten meiner Meinung nach ganz sinnvoll gewesen und hätte dem Leser viel hin und her blättern erspart. Vom Gesamtaufbau ist das Buch gut strukturiert und die Inhalte bauen langsam aufeinander auf. Auf den ersten Blick wirkt das Inhaltsverzeichnis sehr unübersichtlich, doch nachdem man sich einen ersten Überblick verschafft hat findet man sich auch hier zurecht. Eingeteilt in drei große Abschnitte (normales/pathologisches EKG und Sonderformen des EKG) mit jede Menge Unterpunkten findet man aufgrund der Ausführlichkeit auch genau das Thema und die Seite, das man grade sucht, z.B. „Veränderung der Q-Zacke (der Septumerregung bzw. des Erregungsausbreitungsbeginns in den Herzkammern) – S.73“. Wer lange Einträge in Inhaltsverzeichnissen mag, kommt auch hier voll auf seine Kosten.

Hin und wieder kann man beim Lesen den Eindruck gewinnen, dass der Autor sich wiederholt. Allerdings wie zuvor bei der Ausführlichkeit schon erwähnt: wohl dosiert und zumindest ich war stellenweise froh darum, da es sich hierbei um Stellen handelte, wo man in manch anderem Buch um einen zweiten Erklärungsansatz froh gewesen wäre.

Kommen wir also zu der – gerade bei (medizinischen) Fachbüchern – entscheidenden Frage: Und was kostet es? Das Buch ist im Handel für 29,99 € zu bekommen und liegt damit im Vergleich zu anderen EKG-Büchern voll im Durchschnitt. Auch wenn der Preis für das eher handliche Format des Buches recht viel erscheint, so lohnt sich die Investition aber durchaus.

Fazit: Zum Abschluss also noch schnell die Kurzfassung (für alle, die wie ich oft zu faul sind die Langfassung zu lesen): Eine gute Wahl für jemanden, der ein fundiertes Verständnis vom EKG und der EKG-Diagnostik erlangen möchte, das über die reine Unterscheidung von normalem EKG, Tachy-/Bradykardie, AV-Blöcken und verschiedenen Infarkten hinaus geht. Gut verständlich geschrieben auch für Neueinsteiger in die Materie gut geeignet. Wer sich allerdings nur einen groben Überblick verschaffen will, kriegt hier deutlich mehr als er will und braucht und wäre mit einer preisgünstigeren Alternative wahrscheinlich auch schon zufrieden. Ansonsten ein auch vom Preis her durchaus zu empfehlendes Buch.

Rainer Klinge

Das Elektrokardiogramm
Leitfaden für Ausbildung und Praxis

9. Aufl., vollst. überarb. 2011

350 S., 330 Abb., kart.

ISBN: 9783135540092

EUR [D] 29,99 | EUR [A] 30,90 | CHF 42,00

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